Das Zeugnis Gottes und Seine Zeugen
Das Zeugnis Gottes und seine Zeugen
Gottes Wort, Gottes Gegenwart, Gottes Wirken und unser Zeugnis
Wenn wir heute in einer Gemeinde von einem „Zeugnis“ sprechen, denken wir meistens an eine persönliche Erfahrung mit Gott. Jemand erzählt von einer Gebetserhörung, einer Heilung, einer Befreiung, seiner Bekehrung oder davon, wie Gott in einer schwierigen Situation eingegriffen hat.
Diese Verwendung des Wortes ist durchaus biblisch.
„Kommt her, hört zu, alle, die ihr Gott fürchtet; ich will erzählen, was er an meiner Seele getan hat!“
— Psalm 66,16
Doch wenn uns der Begriff des Zeugnisses im Alten Testament begegnet, beginnt der Gedanke an einer anderen Stelle.
Es geht nicht darum, was der Mensch über Gott erzählt, sondern darum, was Gott seinem Volk gegeben hat.
„Und du sollst das Zeugnis, das ich dir geben werde, in die Lade legen.“
— 2. Mose 25,16
Bevor wir ein Zeugnis von Gott geben können, hat Gott selbst Zeugnis gegeben.
Er hat gesprochen. Er hat sich offenbart. Er hat seinen Willen kundgetan.
Von diesem göttlichen Zeugnis führt eine bemerkenswerte biblische Linie bis zu den Worten Jesu:
„Ihr werdet meine Zeugen sein.“
— Apostelgeschichte 1,8
1. Gott gibt sein Zeugnis
In 2. Mose 25,16 befiehlt Gott Mose:
„Und du sollst das Zeugnis, das ich dir geben werde, in die Lade legen.“
Das hebräische Wort עֵדוּת (ʿedut) trägt den Gedanken von Zeugnis, Bezeugung oder verbindlicher Bekundung. In diesem Zusammenhang bezeichnet es insbesondere die Tafeln des Bundes.
Später lesen wir:
„Und als er mit Mose auf dem Berg Sinai zu Ende geredet hatte, gab er ihm die beiden Tafeln des Zeugnisses, steinerne Tafeln, beschrieben mit dem Finger Gottes.“
— 2. Mose 31,18
Hier liegt ein entscheidender Gedanke:
Mose erfindet das Zeugnis nicht.
Israel formuliert das Zeugnis nicht.
Gott gibt das Zeugnis.
Darum besitzt dieses Zeugnis Autorität.
Das Zeugnis und der Bund
Die Lade, in der diese Tafeln aufbewahrt wurden, wird in der Bibel sowohl mit dem Zeugnis als auch mit dem Bund verbunden.
Die Bezeichnung „Lade des Zeugnisses“ betont das Zeugnis, das Gott gegeben hat.
Die Bezeichnung „Bundeslade“ betont den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat.
Beides gehört zusammen.
„Und er verkündigte euch seinen Bund, den er euch zu halten gebot, nämlich die zehn Worte; und er schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln.“
— 5. Mose 4,13
Das Zeugnis Gottes war also nicht lediglich Information über Gott. Es beanspruchte das Leben des Bundesvolkes.
Psalm 19 beschreibt dieses Zeugnis folgendermaßen:
„Das Gesetz des HERRN ist vollkommen, es erquickt die Seele; das Zeugnis des HERRN ist zuverlässig, es macht den Unverständigen weise.“
— Psalm 19,8
Das Zeugnis des Herrn ist zuverlässig.
Darauf kann der Mensch sein Leben bauen.
Deshalb beginnt unser Glaube nicht mit der Frage:
Was empfinde ich über Gott?
Sondern:
Was hat Gott gesagt?
Unsere Erfahrung muss sich an Gottes Wort orientieren – nicht Gottes Wort an unserer Erfahrung.
Gottes Zeugnis besitzt Autorität, weil es von Gott kommt.
2. Gottes Zeugnis, seine Gegenwart und seine Führung
Nachdem Gott Mose befohlen hatte, das Zeugnis in die Lade zu legen, sagte er:
„Und du sollst den Sühnedeckel oben auf die Lade legen und das Zeugnis, das ich dir geben werde, in die Lade tun. Dort will ich mit dir zusammenkommen und mit dir reden…“
— 2. Mose 25,21–22
Wir sollten dabei sorgfältig unterscheiden.
Das Zeugnis ist nicht die Gegenwart Gottes.
Aber der Text bringt beides in eine bemerkenswerte Beziehung.
Das Zeugnis liegt in der Lade.
Der Sühnedeckel befindet sich darüber.
Und dort verspricht Gott Mose:
„Dort will ich mit dir zusammenkommen.“
„Dort will ich mit dir reden.“
Das Zeugnis Gottes und die Begegnung mit Gott stehen damit im Zentrum des Heiligtums Israels.
Ein Gott, der gesprochen hat – und weiterhin führt
Israel diente nicht nur einem Gott, der irgendwann einmal gesprochen hatte.
Er war der Gott, der unter seinem Volk wohnte und sein Volk führte.
In 4. Mose 9 lesen wir, dass Israel entsprechend der göttlichen Führung aufbrach und lagerte.
„Nach dem Befehl des HERRN brachen die Kinder Israels auf, und nach dem Befehl des HERRN lagerten sie sich…“
— 4. Mose 9,18
Damit begegnen uns drei miteinander verbundene Wirklichkeiten:
Gottes Wort gab Israel seinen Maßstab.
Gottes Gegenwart gehörte zur Mitte ihres Lebens.
Gottes Befehl bestimmte ihren Weg.
Diese Dinge dürfen auch heute nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Wir brauchen nicht Wort ohne Gegenwart.
Aber ebenso wenig brauchen wir Erfahrung ohne Wort.
Wir wollen Gottes Wort hören.
Wir wollen seine Gegenwart suchen.
Wir wollen seiner Führung folgen.
Der Gott, der sein Zeugnis gibt, will seinem Volk begegnen und seinen Weg bestimmen.
3. Gottes Volk bewahrt sein Zeugnis und erzählt seine Werke
Das Zeugnis Gottes sollte nicht einfach in Israel vorhanden sein. Es sollte bewahrt und weitergegeben werden.
Psalm 78 bringt zwei wichtige Dimensionen zusammen:
„Denn er hat ein Zeugnis aufgerichtet in Jakob und ein Gesetz gegeben in Israel; und er gebot unseren Vätern, es ihren Kindern zu verkünden, damit das spätere Geschlecht es wüsste…“
— Psalm 78,5–6
Dann wird erklärt, weshalb:
„…damit sie auf Gott ihr Vertrauen setzten und die Taten Gottes nicht vergäßen…“
— Psalm 78,7
Hier stehen zwei Dinge nebeneinander:
Was Gott gesagt hat
Sein Zeugnis.
Was Gott getan hat
Seine Taten.
Beides soll weitergegeben werden.
Das ergibt bereits ein starkes biblisches Verständnis unseres eigenen Zeugnisses:
Das hat Gott gesagt.
Das hat Gott getan.
Psalm 105,1 fordert deshalb:
„Danket dem HERRN, ruft seinen Namen an, macht unter den Völkern seine Taten bekannt!“
„Erzähle, was der Herr an dir getan hat“
Genau diesen Gedanken finden wir später bei Jesus.
Nachdem Jesus den besessenen Mann im Gebiet der Gerasener befreit hatte, wollte dieser mit ihm gehen.
Doch Jesus sagte:
„Geh heim zu den Deinen und verkündige ihnen, welch große Dinge der Herr an dir getan und wie er sich über dich erbarmt hat!“
— Markus 5,19
Seine persönliche Erfahrung mit Gott sollte erzählt werden.
Was Gott getan hatte, wurde zu seinem Zeugnis.
Darum gehören beide Aspekte zusammen:
Wir bewahren, was Gott gesagt hat, und wir erzählen, was Gott getan hat.
4. In Jesus Christus offenbart Gott sich in einzigartiger Weise
Das Neue Testament führt diesen Gedanken weiter.
Der Hebräerbrief beginnt mit den Worten:
„Nachdem Gott in vergangenen Zeiten vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn…“
— Hebräer 1,1–2
Gott hat gesprochen.
Und nun spricht Gott durch den Sohn.
Johannes beschreibt es noch eindrücklicher:
„Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit…“
— Johannes 1,14
Jesus bringt uns nicht lediglich weitere Informationen über Gott.
In Jesus Christus begegnet uns Gottes Offenbarung in einzigartiger Weise.
Deshalb konnte Jesus sagen:
„Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen.“
— Johannes 14,9
Interessanterweise verwendet das Neue Testament auch ausdrücklich die Sprache des Zeugen für Jesus.
Offenbarung 1,5 nennt ihn:
„Jesus Christus, der treue Zeuge…“
Das griechische Wort ist μάρτυς (martys) – Zeuge.
Hier beginnt eine wichtige neutestamentliche Linie:
Jesus Christus ist der treue Zeuge.
Und Jesus Christus wird seine Jünger zu seinen Zeugen machen.
Der Gott, der gesprochen hat, hat sich in Jesus Christus in einzigartiger Weise offenbart.
5. Der Heilige Geist bezeugt Christus
Kurz vor seiner Kreuzigung sagte Jesus zu seinen Jüngern:
„Wenn aber der Beistand kommen wird, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird von mir Zeugnis geben.“
— Johannes 15,26
Der Heilige Geist gibt Zeugnis von Jesus Christus.
Doch Jesus fährt unmittelbar fort:
„Und auch ihr werdet Zeugnis geben, weil ihr von Anfang an bei mir gewesen seid.“
— Johannes 15,27
Hier entsteht eine bemerkenswerte Verbindung:
Der Geist gibt Zeugnis von Christus.
Die Jünger geben Zeugnis von Christus.
Diese Verbindung erscheint erneut unmittelbar vor der Himmelfahrt Jesu:
„…sondern ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist, und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde!“
— Apostelgeschichte 1,8
Jesus sagt hier nicht lediglich:
Ihr werdet gelegentlich ein Zeugnis geben.
Er sagt:
„Ihr werdet meine Zeugen sein.“
Die Gegenwart des Heiligen Geistes und der missionarische Auftrag der Gemeinde gehören zusammen.
Der Heilige Geist bezeugt Christus und befähigt uns, Zeugen Christi zu sein.
6. Unser Zeugnis in der Nachfolge
Damit kommen wir zu dem, was wir heute häufig als „unser Zeugnis“ bezeichnen.
Dabei gibt es mindestens zwei wichtige Dimensionen: Nachfolge und Evangelisation.
Die erste betrifft unser Leben.
In Apostelgeschichte 6 sollte die Gemeinde Männer auswählen,
„…die ein gutes Zeugnis haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind…“
— Apostelgeschichte 6,3
Hier bedeutet Zeugnis nicht die Geschichte, die diese Männer über sich selbst erzählen.
Es geht darum, was über ihr Leben bezeugt werden kann.
Es geht um:
- Charakter,
- Glaubwürdigkeit,
- Ruf,
- Nachfolge.
Unser Leben soll mit unserem Bekenntnis übereinstimmen.
Ein Brief Christi
Paulus gebraucht in 2. Korinther 3 ein eindrucksvolles Bild:
„Unser Brief seid ihr selbst, in unsere Herzen geschrieben, erkannt und gelesen von jedermann.“
— 2. Korinther 3,2
Und dann:
„…offenbar seid ihr ein Brief des Christus… geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens.“
— 2. Korinther 3,3
Hier besteht eine bemerkenswerte Verbindung zu unserem Ausgangspunkt.
Am Sinai begegnen uns steinerne Tafeln.
Hier spricht Paulus von menschlichen Herzen, an denen der Geist des lebendigen Gottes wirkt.
Das bedeutet nicht, dass der Gläubige nun mit der Bundeslade gleichgesetzt werden könnte. Das sagt Paulus nicht.
Aber Gottes Wahrheit soll nicht lediglich etwas sein, das wir äußerlich besitzen.
Sie soll unser Herz und dadurch unser Leben prägen.
Das ist Jüngerschaft.
Das Wort, das ich bekenne, verändert die Art, wie ich lebe.
Und damit stellt sich eine persönliche Frage:
Was bezeugt mein Leben über den Gott, dem ich nachfolge?
7. Unser Zeugnis in der Evangelisation
Die zweite Dimension ist das ausgesprochene Zeugnis.
Als Petrus und Johannes aufgefordert wurden, nicht mehr von Jesus zu sprechen, antworteten sie:
„Denn es ist uns unmöglich, nicht von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben!“
— Apostelgeschichte 4,20
Das ist Zeugnis.
Wir erzählen, was wir gesehen und gehört haben.
Wir erzählen, was Gott getan hat.
Ein besonders einfaches Beispiel finden wir in Johannes 9.
Nachdem Jesus einen Blindgeborenen geheilt hatte, wurde dieser mit theologischen Fragen konfrontiert, auf die er noch nicht alle Antworten kannte.
Aber eines wusste er:
„Eines weiß ich: dass ich blind war und jetzt sehend bin!“
— Johannes 9,25
Er konnte noch nicht jede Frage über Jesus beantworten.
Aber er konnte bezeugen, was Jesus an ihm getan hatte.
Darin liegt ein einfaches Modell für unser persönliches Zeugnis:
Wo war ich?
Was war mein Zustand?
Was hat Jesus getan?
Wie ist er mir begegnet?
Was hat sich verändert?
Was kann ich heute bezeugen?
Wir müssen nicht jede theologische Frage beantworten können, bevor wir von Jesus erzählen dürfen.
Aber unser Zeugnis darf auch nicht bei uns selbst enden.
Das Ziel ist nicht, dass Menschen von unserer Geschichte beeindruckt sind.
Unser Zeugnis soll auf Jesus Christus hinweisen.
Denn Jesus sagte nicht:
Ihr werdet Zeugen eurer eigenen Erfahrung sein.
Er sagte:
„Ihr werdet meine Zeugen sein.“
Von Gottes Zeugnis zu seinen Zeugen
Wir haben mit einer Lade begonnen.
„Du sollst das Zeugnis, das ich dir geben werde, in die Lade legen.“
Gott hat gesprochen.
Sein Volk sollte sein Zeugnis bewahren.
Gott hat gehandelt.
Sein Volk sollte seine Taten weitererzählen.
Gott begegnete seinem Volk und führte es.
Sein Volk sollte auf ihn hören und seinem Befehl folgen.
Dann kommt Jesus Christus.
Gott redet durch den Sohn.
Das Wort wird Fleisch.
Jesus Christus ist der treue Zeuge.
Und dann verheißt Jesus den Heiligen Geist:
„Er wird von mir Zeugnis geben.“
Schließlich sagt er zu seinen Jüngern:
„Ihr werdet meine Zeugen sein.“
Damit führt die biblische Linie von Gottes Zeugnis zu unserem Zeugnis, ohne beides miteinander zu verwechseln.
Gott gibt sein Zeugnis.
Wir bewahren sein Wort.
Wir erzählen seine Taten.
Wir leben in seiner Gegenwart.
Wir folgen seiner Führung.
Der Heilige Geist bezeugt Christus.
Und wir werden Zeugen Jesu Christi.
Daraus ergeben sich zwei sehr persönliche Fragen.
Für unsere Nachfolge:
Was bezeugt mein Leben über den Gott, dem ich nachfolge?
Für unsere Evangelisation:
Wem habe ich zuletzt erzählt, was Jesus Christus an mir getan hat?
Unser Zeugnis ist nicht nur die Erinnerung an etwas, das Gott irgendwann einmal getan hat.
Gott wirkt heute.
Gott führt heute.
Gott verändert heute.
Darum haben wir auch heute etwas zu bezeugen.
„Ihr werdet meine Zeugen sein.“
— Apostelgeschichte 1,8
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